Indien / Kerala: Die Büchse der Pandora wird ausgefegt Der südindische Staat Kerala ist mit Säuberungsarbeiten beschäftigt. Zielobjekt der großen Putze ist eine spezielle neue Marke von “Gottmenschen” und Sterndeutern, der es gelungen ist, in den letzten Jahren ein florierendes Gewerbe aufzubauen, ohne die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu erregen. Tatsächlich hatten die meisten Bewohner Keralas keine Ahnung von der Existenz von “Gottmenschen” in ihrem Staat – mal abgesehen von dem allumarmenden “Weltstar” Mata Amrithanandamayi. Aber plötzlich öffnete sich die Büchse der Pandora. Es began mit einem Medienbericht in der ersten Maiwoche – erschienen in der prominenten malayalam-sprachigen Wochenzeitschrift Kerala Sabdam. Interpol in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), hieß es darin, habe einen dringenden Haftbefehl auf einen gewissen Santhosh Madhavan aus Kerala ausgestellt. Ermittlungen der örtlichen Medien richteten das Scheinwerferlicht auf den “Gottmann” Amrutha Chaitanya und seinen feudalen Ashram in der Hafenstadt Kochin, in dem er lokale Politiker, Filmstars, Geschäftsleute und höhere Polizeibeamte zu empfangen pflegte. Unter Druck nahm die Polizei von Kerala ihn fest und durchsuchte seinen Ashram und seine Wohnung. Neben verschiedenen Dingen, deren Besitz strafbar ist – wie Sandelholz, Ganja, ein Tigerfell und eine Polizeiuniform – wurde dabei eine Sammlung von Porno-CDs gefunden, die dokumentierten, wie der “Gottmann” minderjährige Mädchen vergewaltigte, die in einem von ihm betriebenen karitativen Kinderheim lebten. Neun Mädchen sagten aus, von ihm vergewaltigt worden zu sein. Untersuchungen von Madhavans Finanzverhältnissen brachten ans Licht, daß er ein dubioses Immobiliengeschäft im Umfang von vielen Millionen Dollar betrieb, bei dem er als Frontmann für einige bis jetzt noch ungenannte prominente Persönlichkeiten auftrat. Santhosh Madhavan, ein niederer Tempelpriester mit abgebrochener Schulausbildung, machte sich in den späten Neunzigerjahren mit Astrologie vertraut, ließ sich einen eindrucksvollen Bart wachsen und began eine lukrative Karriere als “Gottmann”.. Innerhalb kurzer Zeit gelang es ihm, ein Klientel von Prominenten aufzubauen und sich politische Protektion zu sichern. Er genoß quasi Immunität, bevor die erzürnte Öffentlichkeit seine Festnahme erzwang. Nach Madhavan entlarvten Rationalisten und Medien weitere verborgene “Gottmenschen” und –Astrologen mit hohen Verbindungen und mutmaßlich kriminellem Hintergrund. Seit einem Monat berichten die Medien fast täglich über neue Skandale. Inzwischen laufen Ermittlungen gegen rund 60 Personen. Einige von ihnen sind untergetaucht. Wie berichtet wird, treffen sie ihre Klienten nun im Ausland. Nachdem Rationalisten und progressive Medien einmal den Trend gesetzt hatten, sprangen die Jugendorganisationen der politischen Parteien auf den fahrenden Zug und jagten begeistert nach “Gottmenschen” – bevorzugt nach solchen, die der politischen Konkurrenz nahestanden. Die hindu-konservative BJP sorgte dafür, daß auch muslimische “Gottmenschen” und christliche Wunderheiler nicht vergessen wurden. Das Ergebnis: der spirituelle Sumpf wurde weitgehend trockengelegt. Die große Überlebenskünstlerin bleibt – bis auf weiteres – die “göttliche” Umarmerin. Doch auch Amrithanandamayi hat beschlossen, auf Nummer sicher zu gehen. Sie hat Kerala verlassen und sich auf eine ausgedehnte Auslandstournee begeben. Übersetzung: Ursula-Charlotte Dunckern |