RATIONALIST INTERNATIONAL

Bulletin (24. Februar 2012)

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IN DIESER AUSGABE

Rushdie: Der lange Schatten der Fatwa

Salman Rushdie

Nun ist es dreiundzwanzig Jahre her. Am 24. Februar 1989 sprach Irans Ayatollah Khomeini seine Fatwa aus, gegen Salman Rushdie, den Autor der „Satanischen Verse“. Besonders neu war es nicht, daß ein religiöser Führer zum Mord an einem Schriftsteller aufrief, weil er dessen Bücher nicht mochte. Oder vielleicht genauer: weil er in seiner Ausdrucksweise vage Respektlosigkeit witterte, ohne sich die Mühe zu machen, eine Zeile zu lesen. Religionsführer, sind sie nur mächtig genug, nehmen sich von jeher das Recht, jede Stimme zum Schweigen zu bringen, die nicht ihr Lied singt. Das ist nicht nur im Islam so – die Geschichte des Christentums ist voll von Khomeinis, die Bücher auf den Index setzen und „Ketzer“ lebend verbrennen. Dogmatismus hält keine intellektuelle Konfrontation aus. Er braucht schwer bewachte und luftdichte Protektorate zum Überleben.

Neu an dieser Fatwa war im Wesentlichen, daß Irans “Höchster Führer” sein “Recht” zu verbannen und zu töten rotzfrech über die Grenzen seines Landen hinaus ausdehnte und über die Grenzen des islamischen Protektorates. Er dehnte sein Jagdrevier in den liberalen Westen aus. Wäre Rushdie ein iranischer Schriftsteller im Iran gewesen, hätten viele den Mordaufruf geflissentlich ignoriert. Aber bei einem britischen Bürger in London ging das nicht. Sein Leben mußte geschützt werden. In der Frage seines Rechtes auf freie Meinungsäußerung allerdings gingen die Ansichten auseinander. Es wurde eine weitverbreitete Mode, eher das Opfer zu verurteilen als die religiösen Gewalttäter. Der Fall Rushdie zeigte aufs Peinlichste, wie tief verwurzelt die Rechtfertigung religiöser Zensur in den Metropolen des aufgeklärten freien Welt war – und wie unsicher und schwach das Bewußtsein universaler Menschenrechte. Die Apostel des Kulturrelativismus wußten die Chance zu nutzen und verbreiteten ihre gefährliche Propaganda. Sie redeten uns ein, daß man religiösen Fundamentalisten das Töten erlauben müsse, weil es ihre Kultur sei zu töten.

Richard Dawkins und Sanal Edamaruku
Richard Dawkins und Sanal Edamaruku am Rade des Literaturfestivals in der indischen Stadt Jaipur

Dreiundzwanzig Jahre nach der Fatwa hallt das Echo immer noch. Indien, Rushdies Geburtsland und die vielgepriesene größte Demokratie der Welt, gibt ein unrühmliches Exempel. Die Satanischen Verse sind hier bis heute verboten und ihr Autor bleibt eine Persona non grata – zumindest in Zeiten politischer Wahlen. Im Januar zwang die Regierung von Rajastan Rushdie mit bizarren Mitteln, seinen angekündigten Vortrag auf dem hochkarätigen Literaturfestival in Jaipur abzusagen. Im Wettbewerb um mehr als 18 Prozent Muslim-Stimmen in den laufenden Wahlen im Nachbarstaat Uttar Pradesh schienen sich alle streitenden Parteien in einem Punkte bemerkenswert einig zu sein: daß sich ein Tiefschlag gegen Rushdie jetzt als politisch äußerst profitabel erweisen könnte. Inzwischen ermittelt die Polizei gegen vier mutige Autoren. Die hatten in Jaipur ihre Solidarität mit Rushdie zum Ausdruck gebracht, indem sie ihre Vorträge mit einer Lesung aus den – verbotenen - Satanischen Versen eröffneten.

[24 Februar 2012]

Der Papst, seine Bank & die Mafia

Die verschwiegene Vatikan-Bank wird von einer kleinen Gruppe von Kardinälen und letztendlich vom Pontifex dirigiert

Im Vatikan ist die Hölle los, seit brisante und äußerst peinliche interne Dokumente in die Medien geraten sind. Während des vergangenen Monats produzierten die „Vatileaks“ gleich drei veritable Skandale: Enthüllungen über Korruption und Filzokratie im Kirchenstaat, Gerüchte über ein geplantes Attentat auf den Papst und der Verdacht auf finstere Geschäfte der Vatikan-Bank.

All dies kommt zu einem kritischen Zeitpunkt. Papst Benedikt alias Joseph Ratzinger (84) feiert dreißigjähriges Jubiläum seines Wirkens in Rom und hat soeben zweiundzwanzig neue Mitglieder ins Kardinalskollegium berufen. Der exklusive Herrenklub wird eines Tages Benedikts Nachfolger aus den eigenen Reihen wählen. Doch bevor es dazu kommt, könnte der gegenwärtige Skandal einige der päpstlichen Spitzenkandidaten belasten und disqualifizieren. Genau dies dürfte natürlich beabsichtigt sein. Doch es steckt noch mehr dahinter.

Das Szenarium wirkt allzu vertraut. Es weckt Erinnerungen an die frühen Achziger: an den Skandal um den Kollaps der Banco Ambrosiano und den mysteriösen Tod des Papstes Johannes Paul I. Nur dreiunddreißig Tage nach seiner Amtseinsetzung wurde der „lächelnde Papst“ ermordet – wie aus dem Beweismaterial hervorgeht, das der Journalist David A Yallop vorgelegt hat *. Was das Schicksal von JP I besiegelte, war nicht nur seine “blasphemische” These, daß Gott ihren Gläubigen mehr Mutter als Vater sei. Er bezog auch Position gegen die katholische Doktrin des strikten Verbotes künstlicher Geburtenkontrolle – das später so aggressiv mit der Enzyklika Humanae Vitae von seinem Nachfolger JP II propagiert werden sollte. Und zu schlechter Letzt: er kuendigte eine radikale Säuberung des vatikanischen Finanzwesens an. Die hätte unweigerlich Schluß gemacht mit der Geldwäscherei von Drogengeldern der Mafia, wie sie die Vatikan-Bank unter ihrem Präsidenten, dem amerikanischen Erzbischof Paul Marcinkus, betrieb. JP I lebte nicht lange genug, sein Gelöbnis zu erfüllen. Und einige Monate später starb auch noch ein anderer Mann, der es darauf abgesehen hatte, Marcinkus zu stoppen: der Journalist Mino Peccorelli.

Marcinkus Abteilung für schmutzgige Geschäfte handelte nicht nur mit dem Blutgeld der Mafia. Sie schleuste auch verdeckte US-Gelder in die Kassen der Polnischen Solidarnosc, der Contras in Nicaragua usw. Diese riskanten Operationen wurden jedoch nicht im Namen des “Istituto per le Opere di Religione“ (IOR) unternommen, wie die Vatikan-Bank offiziell heißt. Das machte die Banco Ambrosiano, Italiens zweitgrößte Privatbank - deren Hauptaktionär niemand anderes als die IOR war. Der Vertraute und Komplize des Heiligen Stuhles in der BA war deren Vorsitzender Roberto Calvi, ein Mann, geschützt durch exzellente Beziehungen. Calvi war Mitglied der illegalen Freimaurerloge der “schwarzen Mönche“, der mächtigen “Propaganda Due”, kurz “Loge P2” genannt. Diese unterhielt in Italien eine Schattenregierung. Ihre Mitglieder waren prominente Journalisten, Parlamentarier, Industrielle, hohe Armeegeneräle und Politiker. Dazu gehörten der spätere Premier Silvio Berlusconi, der italienische Thronfolger Victor Emmanuel sowie die Chefs der drei italienischen Geheimdienste.

Mit dem Zusammenbruch der Banco Ambrosiano im Juni 1982 drohte der vatikanische Heiligenschein ins Rutschen zu kommen. Robert Calvi, im Volksmund bereits “Gottes Bänker” genannt, wurde verurteilt wegen illegalen Exportes von 27 Millionen Dollar, blieb jedoch im Amt. Bevor die Nachricht des Bank-Skandals an die Öffentlichkeit kam, warnte er Papst JP II in einem geheimen Brief und floh aus Rom. Wenige Tage darauf fand man ihn unter der Blackfriars Bridge in London hängen. Trotz dieses provozierenden Symbolismus [Blackfriars = Schwarze Mönche] wurden seine Mörder nie verurteilt. Ob er tatsächlich von der P2 hingerichtet wurde, oder von den Mafia-Verbindungen des Vatikan, wird vielleicht nie herauskommen. Calvis Familie besteht bis heute darauf, daß er als unschuldiger Sündenbock für den Bank-Skandal geopfert wurde. Erzbischof Marcinkus blieb ehrwürdiger Präsident der Vatikan-Bank bis 1989. Inzwischen verstarb er 2006 in den USA.

Dreißig Jahre danach deuten die Vatileaks darauf hin, daß sich die Dinge im Papstreich nicht allzusehr verändert haben. Im Dezember 2011 berichtete Erzbischof Carlo Maria Vigano (den man zu diesem Zeitpunkt den Premier des Vatikan nennen konnte) in geheimen Briefen an (Außenminister) Erzbishof Tarcisco Bertone und an den Papst selbst von massiver Korruption und von Machtmißbrauch in den höchsten Etagen. Prompt wurde er als Nuntius (Botschafter) nach Washington versetzt. Einige seiner explosiven Briefe an Bertone, nun in die Hände der italienischen Zeitung Il Fatta Quottidiano gespielt, haben den gegenwärtigen Sturm ausgelöst. Sie geben Einblick in einen wütenden Machtkampf, in dessen Zentrum Bertone steht, der zweite Mann im Vatikan. Seit Dezember 2010 ist er der Chef einer durch päpstliches Dekret geschaffenen neuen internen Finanzkontroll-Institution des Heilgen Stuhls. Benedikt scheint entschlossen aufzuräumen – wie einst PJ I. Er will den Vatikan unbedingt auf die „Weiße Liste“ der EU zu bringen. Die weist die Länder aus, die die im Kampf gegen Geldwäsche, organisiertes Verbrechen und Drogenhandel die EU-Auflagen erfüllen. In der Tat, ein ehrgeiziges Ziel. Vor dem historischen Hintergrund erscheint eine Mordverschwörung gegen den Papst nicht ganz so aus der Luft gegriffen, wie offizielle Vatikansprecher glauben machen wollen.

[24 Februar 2012]

*) David A Yallop, Im Namen Gottes? Der mysteriöse Tod des 33-Tage-Papstes Johannes Paul I, 1984

Saudi-Arabien: Todesdrohung gegen Journalisten wegen Twitter-Kommentar

Hamza Kashgari

Der saudi-arabische Zeitungskolumnist Hamza Kashgari (23) ist in großer Gefahr getötet zu werden – mit oder ohne Gerichtsurteil. Sein Leben liegt in den Händen von blutdürstigen saudischen Klerikern.

Kashgari floh aus seinem Heimatland nach Malaysia, nachdem eine hochfrequentierte Facebook-Seite seinen Tod forderte. Als er dann am 12. Februar weiter nach Neuseeland fliegen wollte, nahmen ihn die Malaysischen Behoerden im Flughafen Kuala Lumpur fest und übergaben ihn den Saudis.

Dem jungen Mann wird vorgeworfen, den Propheten auf Twitter beleidigt zu haben. Sein aufsehenerregender Eintrag, getweetet am Geburtstag des Propheten, liest sich so: "Ich habe vieles an Dir geliebt und vieles gehaßt, und es gibt vieles an Dir was ich nicht verstehe. Ich werde nicht für Dich beten." Er löschte den Mohammed-Tweed eilig und entschuldigte sich, als mehr als 30.000 Reaktionen einschlugen, darunter welche von zornigen Klerikern, die ihn einen Ungläubigen und einen Ketzer schimpften. Die Kontroverse breitete sich aus wie ein Lauffeuer und sprang über auf YouTube und Facebook, wo eine Seite auftauchte, die seinen Tod forderte. In Saudi-Arabien werden Ungläubigkeit und Blasphemie als Verbrechen gegen Allah betrachtet, und darauf steht die Todesstrafe. Amnesty International hat Kashgari zum politischen Gefangenen erklärt und seine sofortige Freilassung gefordert.

Obwohl kein formales Auslieferungsabkommen mit Saudi-Arabien besteht, beeilte sich die Regierung von Malaysia – das allgemein als moderates islamisches Land gilt –, Kahsgari zurueck zu senden. Damit besiegelte sie sein Schickal. Die Ausweisung war nicht nur inhuman, sie war auch rechtswidrig. Kashgaris Anwalt hatte rechtzeitig ein Gerichtsurteil erwirkt, das die Deportation seines Klienten aus Malaysia hätte verhindern sollen. Aber die Malayasischen Behoerden hielten den Anwalt gewaltsam davon ab, den Flughafen zu betreten, bevor Kashgari ausgeflogen war.

[12 Februar 2012]

Ägypten: Schauspieler Adel Emam zu drei Monaten Haft verurteilt – wegen Blasphemie

Adel Emam

Der weltbekannte ägyptische Film- und Bühnenschauspieler Adel Emam* ist in absentia zu drei Monaten Haft verurteilt worden. Angeblich hat er den Islam und seine Symbole beleidigt. Nun hat er einen Monat Zeit, Berufung gegen das Urteil einzulegen. Das Verfahren war von einem Rechtsanwalt angestrengt worden, der einer Islamistengruppe nahesteht. Es bezieht sich auf Emams Auftritt in einem Film von 2007 und in einem Theaterstück von 1998, das von einem arabischen Diktator handelt.

Seit die Macht der Islamisten in Ägypten zugenommen hat, veraendert sich das oeffentliche Klima dramatisch. Wenige Wochen nach den Parlamentswahlen, in denen die Islam-Parteien die Mehrheit errangen, sind zahlreiche Schauspieler, Regisseure, Künstler und Intellektuelle angeklagt, den Islam beleidigt zu haben. Adel Emam ist das prominenteste Opfer.

Der 71-jährige Schauspieler, der in mehr als hundert Filmen und in zehn Theaterstücken auftrat, ist weltweit besonders als Komiker bekannt geworden, der sich über Machthaber und Politiker lustig macht. Er spielte aber auch Hauptrollen in vielen ernsten Filmen, unter ihnen die hochkarätige Literaturverfilmung The Yacoubian Building (2006). Seit Jahren erfreut sich die typischerweise von ihm verkörperte Charakterfigur großer Popularität: es ist ein Mann, vom Glück verlassen, der sich gegen mächtigen Druck von außen behauptet und aufrichtet.

Adel Emam erschien nicht zur Gerichtsverhandlung. Sein gegenwärtiger Aufenthaltsort ist unbekannt.

[2 Februar 2012]

* auch als Abdel Imam bekannt

Großbritannien: Richard Dawkins feiert einen Sieg über die Kreationisten

Richard Dawkins

Prof. Richard Dawkins begrueßte die Entscheidung der britischen Regierung, Freien Schulen* den Geldhahn abzudrehen, wenn sie statt wissenschaftlicher Biologie die Schöpfungsgeschichte lehren. Die Entscheidung erfolgte im Zusammenhang mit einer eindrucksvollen Kampagnie der Britischen Humanisten gegen Kreationismus, die von Dawkins geführt und von dreißig führenden Wissenschaftlern und Erziehern unterstützt wurde.

Freie Schulen, die von privaten Personen oder Organisationen geführt werden, sind in Großbritannien nicht verpflichtet, den offiziellen nationalen Lehrplänen zu folgen. Das stellte eine mögliche Einfallspforte für Evolutionsgegner dar, die die Gelegenheit nutzen konnten, Schöpfungslehre und die Theorie vom „Intelligent Design“ als Wissenschaft zu verkaufen. Nun schließt der revidierte Modellvertrag für staatliche Finanzhilfe jede Unterstützung aus, wenn Freie Schulen in ihren Lehrplänen nicht gewisse Mindestanforderungen erfüllen. Die Behauptung, die Welt und das Leben auf ihr seien von Gott erschaffen, darf nicht länger als Fakt ausgegeben werden, heißt es, denn sie „widerspricht etablierter Wissenschaft, historischen Belegen und wissenschaftlichen Erklärungen“.

[17 Januar 2012]

* das sind Privatschulen, finanziert durch Steuergelder und offen fuer alle

Übersetzung: Ursula-Charlotte Dunckern